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Ominöser Gazprom-Germania-Deal: Wie ein Moskauer Autohändler und DJ Deutschlands Gasversorgung ins Chaos stürzen wollte
Zusammenfassung:Lade Premium-Inhalte...Das Gazprom-Logo an einem Gebäude der Firma in Moskau. picture alliance/dpa/T
Ende März übernimmt eine Moskauer Firma ohne Mitarbeiter und echte Büros den Milliarden-Konzern Gazprom Germania GmbH.
Die Firma versucht, das Unternehmen zu liquidieren – und damit Deutschlands Energieversorgung ins Chaos zu stürzen. Wäre das gelungen, hätte die Bundesregierung neue Gas-Lieferverträge und wohl deutlich höhere Preise verhandeln müssen.
Hinter dem dubiosen Deal steht ein Mann, der zuvor nur als Autohändler und DJ in Erscheinung getreten ist, eingesetzt, um Gazprom Germania aufzulösen.
Dmitrj Wladimirovitsch Zeplyaew ist für die Bundesregierung ein vollkommen Unbekannter. Kein Oligarch aus dem engen Kreis um Russlands Präsident Wladimir Putin; auch kein Oligarchen-Sohn, der schon einmal mit düsteren Machenschaften aufgefallen wäre. Zeplyaew ist weder Diplomat, noch Politiker noch internationaler Geschäftsmann.
Er ist ein ehemaliger Autohändler aus Moskau. Und fast wäre es ihm – oder seinen Hinterleuten – gelungen, Deutschlands Energieversorgung ins Chaos zu stürzen.
Die mysteriöse Firma Palmary
Der Sabotage-Versuch beginnt Ende März. Der russische Gaskonzern Gazprom verschickt eine Nachricht in seiner offiziellen Telegram-Gruppe: „Am 31. März beendete die Gazprom-Gruppe ihre Beteiligung an dem deutschen Unternehmen Gazprom Germania GmbH und allen ihren Vermögenswerten, einschließlich Gazprom Marketing & Trading Ltd. Der Konzern erläutert die Nachricht nicht weiter, ihre Bedeutung aber ist simpel: Gazprom stößt seine Deutschland-Tochter ab.
Der Schritt sorgt für hektische Betriebsamkeit im Bundeswirtschaftsministerium. Und für Irritationen. Denn auf den ersten Blick wirkt es so, als verkaufe Gazprom seine Deutschland-Sparte an sich selbst. 99,9 Prozent der Firmenanteile gehen an die Gazprom Export Business Services LLC, laut russischem Handelsregister eine Tochter des Hauptkonzerns. Die restlichen 0,1 Prozent der Anteile von Gazprom Germania gehen an eine mysteriöse Firma namens JSC Palmary, die als Geschäftszweck den Handel mit Immobilien angibt. Die Geschäftsadresse befindet sich an einer Adresse im Südwesen Moskaus, über einem Autohaus, Raum 24d, dritter Stock.
Als Mitarbeiter des Wirtschaftsministeriums in Berlin sich den Deal genauer anschauen, wird schnell klar: Palmary, nicht Gazprom Export Business Services, hat die Kontrolle über Gazprom Germania. Alle Stimmanteile über den deutschen Gazprom-Ableger entfallen auf Palmary – obwohl die Firma erst fünf Monate alt ist, keine Mitarbeiter hat und ein Grundkapital von lediglich drei Millionen Rubel (etwa 35.000 Euro) aufweist.
Und auch Gazprom Export Business Services, so finden es die Analysten im Wirtschaftsministerium heraus, wird letztlich von Palmary kontrolliert. Genauer gesagt: von Dmitrj Wladimirovitsch Zeplyaew.
Ein House-DJ wird Chef eines Milliarden-Unternehmens
Denn der wird im russischen Handelsregister als CEO von JSC Palmary gelistet. Zeplyaew hat den Job demnach am 30. März übernommen – obwohl er zuvor nie etwas mit der Energiebranche und schon gar nicht mit Konzernen der Größe von Gazprom zu tun hatte. Im Handelsregister finden sich mehrere Firmen, die Zeplyaew gegründet hat oder bei denen er Geschäftsführer war.
Im russischen Handelsregisterauszug ist ein Google-Mail-Account angegeben, über die sich Zeplyaew nicht erreichen lässt. Auch eine Handynummer, die in einer E-Mail und damit Zeplyaew zuordenbaren russischen Blogseite zu finden ist, führt ins Nichts. Dafür bietet eine Webseite, auf denen russische Musiker ihre Sets hochladen können, neue Einblicke: Dmitrj Wladimirovitsch Zeplyaew ist ihr zufolge ein in Moskau auflegender DJ mit Vorliebe für House, Tattoos und eine knallrote Mütze mit dem Wappen der Schweiz darauf.
Dmitri Wladimirovich Tseplyaev auf seiner DJ-Webseite.
Screenshot/Business Insider
Warum bekommt ein ehemaliger Autohändler und Hobby-DJ die Kontrolle über ein Milliardenunternehmen? Wer ist Dmitrj Wladimirovitsch Zeplyaew wirklich? In wessen Auftrag handelt er? Die Bundesregierung hat keine Antworten – und schnell andere Probleme. Denn kurz nach seiner Amtsübernahme gibt der neue Gazprom-Germania-Boss Zeplyaew seine erste Weisung aus. Sie ist so einfach wie weitreichend: Die deutsche Gazprom-Tochter soll liquidiert werden.
Bundesregierung im „Krieg mit Gazprom
Letztlich kommt es dazu nicht, die Bundesregierung schreitet ein. Klima- und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) veranlasst, dass die Bundesnetzagentur Gazprom Germania treuhänderisch übernimmt. Alle Stimmanteile von Palmary gehen bis Ende September an die Bundesnetzagentur über, alle Vermögensanteile unterliegen ihrer Kontrolle. Am vergangenen Freitag setzte die Behörde Egbert Laege, den ehemaligen Vorstand der Energiebörse EEX, als Generalbevollmächtigten ein.
Öffentlich begründet Habeck den Schritt damit, dass kritische Infrastruktur nicht der „Willkür des Kreml ausgesetzt werden dürfe. Die Versorgungssicherheit Deutschlands dürfe nicht dadurch gefährdet werden, dass ein Unternehmen, das für einen Großteil der Gaslieferungen nach Deutschland verantwortlich ist und drei Gasspeicher in der Bundesrepublik besitzt, unkontrolliert pleite geht. Intern wird aber noch ein anderer Grund für das Vorgehen der Bundesregierung geltend gemacht.
Im Falle der Firmenliquidierung hätten neue – teurere – Gaspreise verhandelt werden müssen
Eine Tochter der Gazprom Germania ist die Gazprom Marketing & Trading in London. Über sie werden die Zahlungen europäischer Länder – darunter Deutschland – für russische Gaslieferungen abgewickelt. Diesen zugrunde liegen langfristige Verträge, in denen auch Preise für Gaslieferungen fixiert sind. Preise, die deutlich unter den aktuellen Marktpreisen liegen. Wäre es der mysteriösen Firma Palmary gelungen, die Germania GmbH und damit auch ihre britische Tochter zu liquidieren, wären diese Verträge hinfällig gewesen. Deutschland hätte zu teureren Preisen Gas kaufen müssen, was Industrie und Verbraucher stark belastet hätte. In Kreisen des Wirtschaftsministeriums ist für diesen Fall von „Chaos“ die Rede. Manch ein Vertreter der Regierung sieht sich gar im „Krieg mit Gazprom”.
Die Bundesregierung fürchtet keine Pleite von Gazprom Germania
Tatsächlich verschickte die Bundesnetzagentur nach ihrer Übernahme von Gazprom Germania Briefe an deren Banken, Geschäftspartner, Dienstleister und Kunden. In dem Schreiben, das Business Insider vorliegt, warnt Agentur-Chef Klaus Müller, dass der deutschen Gazprom-Tochter und ihren Tochtergesellschaften ohne Zugang zu Finanzmitteln die Zahlungsunfähigkeit drohe. „Die Folgen für das deutsche, aber auch europäische Energieversorgungssystem wären massiv“, schreibt Müller. „Sie reichen vom Zusammenbruch des Gashandels, über eine Störung im Gastransport bis in die Ebene der nachgelagerten Endkundenlieferanten und Stadtwerke, bis hin zu einer zusätzlichen Gefährdung der Versorgungssicherheit durch einen möglichen Verlust der Speicherkapazitäten.”
Laut Müllers Schreiben will die Bundesnetzagentur im Rahmen ihrer Treuhänderschaft jedoch sicherstellen, „dass alle Zahlungen der Gazprom Germania GmbH nur zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs vorgenommen werden dürfen, damit ein unkontrollierter Abfluss von Finanzmitteln verhindert wird. Gleichzeitig könne und werde das Unternehmen seinen Zahlungsverpflichtungen zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs nachkommen. Die Botschaft: Die Bundesregierung garantiert alle Zahlungen und Geschäfte der Gazprom Germania, komme, was wolle. Laut Informationen von Business Insider hat der Brief zur Beruhigung der Lage beigetragen; die Bundesregierung fürchtet aktuell keine Pleite von Gazprom Germania.
Und was ist mit Dmitrj Wladimirovitsch Zeplyaew? Der DJ hat mit all diesen Wendungen nichts mehr zu tun. Die Bundesregierung steht nach Informationen von Business Insider nicht mit ihm in Kontakt; Informationen über etwaige Hinterleute oder Kreml-Verbindungen Zeplyaews gibt es – zumindest öffentlich – nicht. Der Unbekannte bleibt also unbekannt. Und erhält Gesellschaft. Laut russischem Handelsregister hat die JSC Palmary am 5. April eine Tochterfirma in St. Petersburg gegründet. Die Palmary Business Services LLC handelt ebenfalls mit Immobilien, als CEO wird eine Frau namens Anna Nikolaewna Kirnina gelistet. Auch ihr Name sagt Mitgliedern der Bundesregierung nichts. Was die Firma Palmary mache, heißt es aus Kreisen des Wirtschaftsministeriums, sei nicht mehr von Belang.
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